„Wir finden keine Fachkräfte.“ – Aber was ist mit denen, die längst da sind?

Über 100 Bewerbungen. Über 100 Absagen. 62 Jahre alt. Und jahrzehntelange Berufserfahrung.

Vor einiger Zeit saß ein Mann Anfang 60 bei mir im Coaching. Ein Profil, bei dem man zunächst denken könnte: Der müsste doch eigentlich gute Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben.

Ausgebildeter Facharbeiter, Meisterqualifikation, jahrzehntelange Erfahrung im Industrie-, Kraftwerks- und Anlagenbau. Viele Jahre war er als Fachbauleiter tätig, hat internationale Großprojekte begleitet, Nachunternehmer und Teams gesteuert und Verantwortung für Termine, Qualität und Kosten getragen.

Seine berufliche Erfahrung reicht über mehrere Jahrzehnte – vom Handwerk über die Bauleitung bis zur Fachbauleitung internationaler Projekte.

Und trotzdem: mehr als 100 Bewerbungen und eine Absage nach der anderen.

Natürlich kann ich nicht sagen, dass diese Absagen aufgrund seines Alters erfolgten. Das wäre eine Behauptung, die sich nicht belegen lässt.

Aber der Fall hat bei mir eine Frage ausgelöst:

Wie passt das eigentlich zu einer Arbeitswelt, in der wir gleichzeitig ständig über fehlende Fachkräfte sprechen?

 

 

 

 

Fachkräftemangel – ja. Aber nicht überall.

Zunächst muss man mit einem Missverständnis aufräumen: Deutschland hat nicht einfach überall und in jeder Branche „Fachkräftemangel“.

Die aktuelle Fachkräfteengpassanalyse der Bundesagentur für Arbeit weist für 2025 157 Engpassberufe aus. Besonders betroffen sind unter anderem Pflege und medizinische Berufe sowie Bau- und Handwerksberufe. Gleichzeitig stellt die Bundesagentur ausdrücklich fest, dass es keinen allgemeinen Arbeitskräftemangel gibt. In manchen Berufen gibt es mehr Arbeitskräfte als entsprechende Nachfrage.

Auch die konjunkturelle Lage spielt eine Rolle. Gerade im verarbeitenden Gewerbe ist die Fachkräftelücke 2025 zurückgegangen, weil Unternehmen weniger Stellen ausgeschrieben haben und die Arbeitslosigkeit gestiegen ist.

Wir sollten also nicht so tun, als müsste heute jeder qualifizierte Bewerber automatisch einen Arbeitsplatz finden.

Und trotzdem bleibt ein Widerspruch.

Denn gleichzeitig werden unsere Fachkräfte älter

2024 waren in Deutschland rund 7,8 Millionen sozialversicherungspflichtig Beschäftigte zwischen 55 und unter 65 Jahre alt. Das entspricht 23 Prozent der Beschäftigten im Erwerbsalter. Im verarbeitenden Gewerbe ist sogar mehr als ein Viertel der Beschäftigten in dieser Altersgruppe.

Und genau hier wird es interessant.

Ältere Arbeitnehmer haben laut Bundesagentur für Arbeit zwar ein geringeres Risiko als jüngere, überhaupt arbeitslos zu werden. Wenn sie ihren Arbeitsplatz aber verlieren, fällt ihnen der Wiedereinstieg schwerer. Im Durchschnitt dauert es bei Älteren 23 Wochen bis zur Aufnahme einer neuen sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung, über alle Altersgruppen hinweg sind es 20 Wochen.

Das deckt sich mit etwas, das ich auch in meinen Coachings erlebe:

Das Problem ist häufig nicht, mit 55 oder 60 beschäftigt zu sein. Das Problem beginnt, wenn man in diesem Alter noch einmal einen neuen Arbeitgeber finden muss.

30 oder 40 Jahre Erfahrung – und plötzlich reicht das nicht mehr?

Bei meinem Coachee kam noch etwas hinzu.

Er hatte sich keineswegs entschieden, einfach auf dem Wissen der vergangenen Jahrzehnte stehen zu bleiben. 2025 absolvierte er zusätzlich eine Weiterbildung im Bereich erneuerbare Energien für Wohn- und Nichtwohngebäude.

Ein Mensch Anfang 60 investiert also noch einmal in seine Qualifikation, beschäftigt sich mit einem neuen Themenfeld und möchte weiterarbeiten.

Und trotzdem findet er keinen neuen Arbeitsplatz.

Das finde ich bemerkenswert.

Denn gleichzeitig wissen wir, was in den kommenden Jahren auf den Arbeitsmarkt zukommt. Nach Berechnungen des Kompetenzzentrums Fachkräftesicherung sind 6,7 Millionen sozialversicherungspflichtig Beschäftigte 55 Jahre oder älter und werden innerhalb der kommenden zehn Jahre voraussichtlich aus dem Arbeitsmarkt ausscheiden. Besonders groß ist das Problem bei beruflich qualifizierten Fachkräften: 4,5 Millionen älteren Fachkräften stehen lediglich 3,2 Millionen jüngere gegenüber.

Das KOFA empfiehlt Unternehmen deshalb ausdrücklich, ältere Menschen auch bei Neueinstellungen stärker in den Blick zu nehmen.

Und genau an dieser Stelle sollten wir vielleicht einmal anders über Fachkräftemangel sprechen.

Suchen wir Fachkräfte – oder den perfekten Lebenslauf?

Natürlich kann ein Unternehmen nicht jeden Bewerber einstellen, nur weil er viel Berufserfahrung besitzt.

Auch ein Bewerber mit 30 oder 40 Jahren Erfahrung muss zur konkreten Position passen. Technologien verändern sich. Anforderungen verändern sich. Manche Tätigkeiten verschwinden, andere entstehen. Gehaltsvorstellungen, Mobilität, Qualifikation und viele weitere Faktoren spielen bei einer Stellenbesetzung eine Rolle.

Aber vielleicht lohnt sich manchmal ein zweiter Blick.

Muss jemand tatsächlich jede einzelne Anforderung einer Stellenanzeige bereits erfüllen?

Kann Erfahrung aus einer verwandten Branche übertragen werden?

Was kann jemand, der über Jahrzehnte Baustellen, Projekte, Kunden, Mitarbeitende oder schwierige Situationen erlebt hat, einem Unternehmen geben, das man nicht innerhalb weniger Monate erlernen kann?

Und vielleicht auch:

Warum laden wir diesen Menschen nicht wenigstens einmal zum Gespräch ein?

Auch Bewerber 55+ müssen ihre Strategie verändern

Zur Wahrheit gehört für mich aber auch die andere Seite.

Wer 30 Jahre Berufserfahrung hat, kann sich heute nicht darauf verlassen, dass diese Erfahrung für sich selbst spricht.

Gerade bei einer beruflichen Neuorientierung müssen wir sehr genau herausarbeiten:

Was davon braucht ein Arbeitgeber heute?

Nicht jede Aufgabe aus den vergangenen 30 Jahren gehört in einen Lebenslauf. Nicht jeder frühere Jobtitel erklärt, welchen Mehrwert jemand heute bietet.

Erfahrung muss übersetzt werden.

Welche Probleme kann ich lösen? Welche Kompetenzen kann ich auf eine andere Branche übertragen? Was unterscheidet mich von anderen Bewerbern? Und wo muss ich vielleicht auch akzeptieren, dass mein bisheriger Weg nicht mehr eins zu eins fortgesetzt werden kann?

Genau deshalb reicht es häufig auch nicht, einfach die 101. Bewerbung auf eine Stellenanzeige zu schicken.

Es braucht eine Strategie: passende Zielpositionen, gute Bewerbungsunterlagen, ein professionelles Netzwerk, Sichtbarkeit auf LinkedIn und – je nach beruflicher Ebene – auch den gezielten Kontakt zu Recruitern und Personalvermittlungen.

Vielleicht stellen wir die falsche Frage

Wir sprechen sehr viel darüber, woher die Fachkräfte der Zukunft kommen sollen.

Über Ausbildung. Über Zuwanderung. Über Qualifizierung. Über Digitalisierung.

Alles wichtige Themen.

Aber vielleicht sollten wir zwischendurch auch auf diejenigen schauen, die bereits da sind.

Menschen mit 30 oder 40 Jahren Berufserfahrung, die arbeiten können und arbeiten wollen – aber nach einem Arbeitsplatzverlust plötzlich feststellen, wie schwierig es sein kann, noch einmal eine Chance zu bekommen.

Der Fachkräftemangel wird sich nicht dadurch lösen lassen, dass jedes Unternehmen jeden älteren Bewerber einstellt. So einfach ist der Arbeitsmarkt nicht.

Aber angesichts der demografischen Entwicklung können wir es uns genauso wenig leisten, Erfahrung vorschnell abzuschreiben.

Vielleicht lautet die entscheidende Frage deshalb nicht nur:

Wo finden wir die Fachkräfte, die uns fehlen?

Sondern auch:

Sehen wir eigentlich die Fachkräfte, die längst da sind?

 

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